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DAS INAKTUELLE

[…] Der weder vollkommen in ihr [der Zeit] aufgeht noch sich ihren Erfordernissen anzupassen versucht. Insofern ist er unzeitgemäß; aber ebendiese Abweichung, dieser Anachronismus erlauben es ihm seine Zeit wahrzunehmen und zu erfassen.
Selbstredend bedeutet diese Nicht-Koinzidenz, diese Dischronie, nicht dass derjenige Zeitgenosse ist, der in einer anderen Zeit lebt, der Nostalgiker, der sich mehr in Athen des Perikles oder Robespierres und Marquis de Sades Paris heimisch fühlt, als in der Stadt und der Zeit, in denen er lebt. Ein vernünftiger Mensch kann keine Zeit hassen, doch er weiß genau, dass er ihr unwiderruflich angehört, weiß, dass er ihr nicht entkommen kann.

Zeitgenossenschaft ist also ein spezielles Verhältnis zur Gegenwart: Man gehört ihr an, hält jedoch gleichzeitig Abstand zu ihr; genauer gesagt ist sie jenes Verhältnis zur Zeit, in dem man ihr durch eine Phasenverschiebung, durch einen Anachronismus angehört. Diejenigen, die restlos in ihrer Epoche aufgehen, die in jedem Punkt völlig mit ihr übereinstimmen, sind nicht zeitgenössisch, weil sie sie gerade deshalb nicht sehen, nicht beobachten können. […] Zeitgenössisch ist derjenige, der seinen Blick fest auf seine Zeit richtet, um nicht deren Glanz, sondern deren Finsternis wahrzunehmen. Für denjenigen, der ihre Zeitgenossenschaft erfährt, sind alle Zeiten dunkel. Zeitgenosse ist, wer diese Dunkelheit sehen kann, wer zu schreiben vermag, indem er die Feder in die Finsternisse der Gegenwart taucht.
Zeitgenosse darf sich nur derjenigen nennen, der sich nicht vom Glanz seines Jahrhunderts blenden lässt, dem es gelingt, seine Schattenseiten, seine tiefste Dunkelheit wahrzunehmen. Zeitgenosse ist, wer die Dunkelheit seiner Zeit als etwas wahrnimmt, das ihn angeht, nicht aufhört, ihn anzusprechen, etwas, das sich mehr als jedes Licht unmittelbar und ausschließlich an ihn richtet. Zeitgenosse ist derjenige, dem die Strahlen der Finsternis seiner Zeit frontal ins Gesicht fallen.

Giorgio Agamben